Wie funktioniert eine traditionelle Senfmühle? Vom Senfkorn bis zum Senf im Steinguttopf

Wie funktioniert eine traditionelle Senfmühle? Vom Senfkorn bis zum Senf im Steinguttopf

Aus kleinen Senfkörnern entsteht ein cremiger, aromatischer Senf – doch was passiert eigentlich dazwischen?
In einer traditionellen Senfmühle ist die Herstellung ein mehrstufiger Prozess, bei dem Zeit, Erfahrung und die richtige Mahltechnik eine entscheidende Rolle spielen. Die Senfsaat wird nicht einfach fein zerkleinert und anschließend vermischt. Sie wird zunächst vorbereitet, zu einer Maische verarbeitet und danach langsam über mehrere Mahlgänge vermahlen.

In der Senfmühle Kleinhettstedt in Thüringen wird dieses traditionelle Verfahren bis heute angewendet. Die verwendete Technik und die langsame Verarbeitung unterscheiden sich deutlich von einer auf Geschwindigkeit ausgelegten industriellen Produktion.

Wir begleiten den Senf vom ganzen Korn bis zur Abfüllung im Steinguttopf.

1. Am Anfang steht die Senfsaat

Die Grundlage jedes Senfs ist die Senfsaat. Je nach verwendeter Sorte und Mischung beeinflusst sie später Geschmack, Aroma und Schärfe.  Dabei ist Senfsaat nicht gleich Senfsaat: Es gibt unter anderem gelbe, braune und schwarze Senfkörner. In diesem Blogartikel gehen wir auf die Unterschiede zwischen Senfsaaten näher ein. Gelbe Senfsaat schmeckt meist milder, während braune und schwarze Senfsaat deutlich kräftiger und schärfer sein können. Je nach Rezeptur werden einzelne Sorten oder Mischungen verschiedener Senfsaaten verwendet. In der Senfmühle Kleinhettstedt werden zertifizierte Ökosaaten aus Thüringen verwendet. Die Saat wird dabei nicht entölt, sondern mit ihren natürlichen Bestandteilen weiterverarbeitet. Bevor daraus Senf werden kann, müssen die harten Senfkörner zunächst aufgebrochen werden.

2. Die Senfkörner werden auf dem Walzenstuhl geschrotet

Der erste eigentliche Arbeitsschritt findet auf einem Walzenstuhl statt. Es handelt sich um eine Maschine, bei der mehrere Walzen gegeneinander laufen. Die Senfkörner werden zwischen Walzen hindurch geführt und gequetscht beziehungsweise geschrotet. Es entsteht noch kein fertiger Senf und auch noch keine feine Senfmasse. Das Aufbrechen der Körner bereitet die Saat vielmehr auf den nächsten wichtigen Schritt vor: das Maischen.

3. Aus Senfschrot wird die Senfmaische

Das frisch geschrotete Senfmehl wird nun mit Flüssigkeit und weiteren Zutaten vermischt.
Zur Grundrezeptur gehören unter anderem: Wasser, Senfsaat, Branntweinessig, Salz, Zucker, Gewürze. Aus diesen Zutaten entsteht die sogenannte Senfmaische – eine noch recht grobe Mischung aus geschroteter Senfsaat, Wasser, Essig und Gewürzen. Diese Mischung wird anschließend mehrere Stunden ruhen gelassen. Dabei nimmt die zerkleinerte Senfsaat Flüssigkeit auf, quillt und die typischen Senfaromen können sich entwickeln. Diesen Verarbeitungsschritt nennt man Maischen. Auch die charakteristische Senfschärfe entsteht erst, wenn zerkleinerte Senfsaat mit Flüssigkeit in Kontakt kommt. Aus einem unscheinbaren Korn wird damit Schritt für Schritt ein Lebensmittel mit einem komplexen Aroma.

4. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit der Senfmühle

Nach dem Maischen wird die Senfmasse zu den Nassmahlgängen gepumpt. Hier liegt einer der entscheidenden Unterschiede zwischen traditioneller und moderner Hochgeschwindigkeitsverarbeitung. Die Senfmaische wird zwischen Mahlsteinen immer feiner vermahlen. Da es sich um eine bereits mit Flüssigkeit vermischte Masse handelt, spricht man vom Nassmahlverfahren. Die Mahlsteine der Senfmühle Kleinhettstedt drehen sich dabei mit nur etwa 55 Umdrehungen pro Minute. Das klingt zunächst nach einem technischen Detail – ist für den Senf aber ausgesprochen wichtig.

5. Warum mahlen die Steine so langsam?

Beim Mahlen entsteht durch Reibung Wärme. Je schneller eine Mühle arbeitet, desto stärker kann sich das Mahlgut erwärmen. Eine traditionelle Senfmühle setzt deshalb bewusst auf eine langsame Verarbeitung. Mit ihren lediglich rund 55 Umdrehungen pro Minute vermahlen die Mahlsteine die Senfmaische besonders schonend. Dadurch wird eine starke Erwärmung vermieden und die natürlichen Senföle sowie die aromatischen Bestandteile der Senfsaat können besser erhalten bleiben. Genau darin liegt ein wesentlicher Grund für den vollmundigen Charakter eines traditionell steingemahlenen Senfs. Hier zählt nicht, möglichst viel Senf in möglichst kurzer Zeit herzustellen. Zeit ist ein Teil des Herstellungsverfahrens.

6. Mehrere Mahlgänge sorgen für die richtige Konsistenz

Die Senfmaische wird nicht einfach einmal durch die Mühle geschickt. Über die Nassmahlgänge wird sie schrittweise weiterverarbeitet. Dabei werden die Bestandteile immer feiner miteinander verbunden, bis die für den Senf gewünschte Konsistenz entsteht. Die Mahltechnik beeinflusst deshalb nicht nur das Aroma, sondern auch das Mundgefühl. Das Ergebnis ist die charakteristische cremige Struktur eines steingemahlenen Senfs, bei dem die Senfsaat besonders schonend verarbeitet wurde.

7. Aus dem Grundsenf entstehen verschiedene Senfsorten

Bis zu diesem Punkt bildet die Senfmasse die Grundlage für unterschiedliche Rezepturen. Durch die Zugabe ausgewählter Gewürze und weiterer geschmacksgebender Zutaten entstehen anschließend die verschiedenen Spezialitäten der Senfmühle. So kann aus einer traditionellen Herstellung eine erstaunliche Vielfalt entstehen – vom klassischen Thüringer Küchensenf über Thüringer KräutersenfKümmelsenf oder Biersenf bis zu ausgefalleneren Varianten wie Feigensenf, Orangensenf oder Johannisbeersenf. Die eigentliche Mühlentechnik bleibt dabei dieselbe. Den individuellen Charakter erhält jede Sorte durch ihre besondere Rezeptur.

8. Zum Schluss kommt der Senf in den Steinguttopf

Nach der Herstellung wird der Senf in der Senfmühle Kleinhettstedt traditionell in Steinguttöpfe mit 270 ml Inhalt abgefüllt. Der Steinguttopf ist dabei weit mehr als eine dekorative Verpackung. Das undurchsichtige Material schützt den Senf vor Licht. Gleichzeitig sind die Deckel so gearbeitet, dass sie als Aromaverschluss dienen und die Oxidation beziehungsweise Braunfärbung des Senfs vermindern sollen. Damit begleitet die traditionelle Form der Verpackung das Produkt konsequent bis zum letzten Herstellungsschritt. Vom Thüringer Senfkorn über Walzenstuhl und Mahlstein bis zum Steinguttopf entsteht so ein Lebensmittel, bei dem Handwerk und Produkt eng miteinander verbunden bleiben.

Was macht eine traditionelle Senfmühle besonders?

Eine Senfmühle wie die in Kleinhettstedt zeigt, dass traditionelle Lebensmittelherstellung nicht bedeutet, lediglich alte Rezepte zu verwenden.

Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel verschiedener Faktoren: ausgewählte Senfsaat, traditionelle Rezepturen, sorgfältiges Maischen, Nassmahlung zwischen Mahlsteinen, eine sehr niedrige Mahlgeschwindigkeit, schonende Verarbeitung, Erfahrung im Umgang mit Saat, Maische und Gewürzen. Gerade die Langsamkeit ist dabei ein wichtiger Bestandteil des Handwerks. Während moderne Produktionsverfahren vor allem auf Effizienz und große Mengen ausgerichtet sein können, gibt die traditionelle Steinmahlung dem Senf Zeit und vermeidet unnötig hohe Temperaturen während des Mahlens.

Senfmühle Kleinhettstedt – alte Technik, lebendiges Handwerk

Die Kunst- und Senfmühle Kleinhettstedt hat eine lange Geschichte. Der Mühlenstandort wurde bereits im 16. Jahrhundert erwähnt und befindet sich seit 1732 im Besitz der Familie Morgenroth. Nachdem die Getreidemüllerei 1990 eingestellt worden war, wurde die früher bereits betriebene Senfmüllerei wiederbelebt. Alte Technik war noch vorhanden, historische Rezepturen wurden wiederentdeckt und im Jahr 1999 konnte in Kleinhettstedt erneut Senf produziert werden. Heute wird die Mühle von der Familie bereits in der neunten Generation bewirtschaftet. Damit ist der Senf aus Kleinhettstedt nicht nur eine Thüringer Spezialität. Er zeigt auch, wie alte Mühlentechnik bis heute sinnvoll für die Herstellung hochwertiger Lebensmittel genutzt werden kann.

Vom Senfkorn zum steingemahlenen Senf

Der Weg zum fertigen Senf lässt sich letztlich in wenigen Schritten zusammenfassen:

Senfsaat → Schroten → Maischen → Nassmahlen → Verfeinern → Abfüllen

Hinter diesen sechs Schritten steckt jedoch deutlich mehr Handwerk, als man einem Senftopf auf den ersten Blick ansieht. Besonders die langsame Steinmahlung zeigt, welchen Einfluss die Art der Verarbeitung auf ein Lebensmittel haben kann. Statt die Senfmaische möglichst schnell zu zerkleinern, wird sie schonend zwischen langsam laufenden Mahlsteinen verarbeitet. Am Ende steht ein aromatischer, steingemahlener Senf – traditionell hergestellt und abgefüllt im charakteristischen Steinguttopf.

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